Gerhard Rießbeck - Eisfreund

26. 10. 2018 –  24. 2. 2019 in der großen Halle

Sammlung Joseph Hierling

Expressiver Realismus

Die Kunsthalle Schweinfurt

Unsere Öffnungszeiten/Anfahrt


Expressiver Realismus
Sammlung Joseph Hierling

UG geschlossen!

Der Sammler Joseph Hierling

Der 1942 in München geborene Sammler Joseph Hierling erlernte den Beruf des Fernsehkameramanns und wurde später Leiter der Film- und Fernsehproduktion beim Bayerischen Fernsehen. Politisch engagierte er sich zeitweise als Vorsitzender der Gewerkschaft Kunst in Bayern. Seine Sammler-Biographie wurde von inspirierenden Begegnungen etwa mit dem Maler Rudolf Büder oder dem Kunsthistoriker und Galeristen Richard Hiepe geprägt. Von 1981 bis 1994 präsentierte Hierling in seiner Galerie in der Münchner Georgenstraße 85 in Einzelausstellungen Werke von gegenständlich arbeitenden Künstlern der Zwischenkriegsjahre in Deutschland. Das kunsthistorische Fundament dazu schuf 1980 der Kunsthistoriker Rainer Zimmermann mit seinem Buch über die deutsche Malerei des Expressiven Realismus. Gemeinsam gründeten Hierling und Zimmermann den „Förderkreis Expressiver Realismus“ und 1993 ein Museum gleichen Namens in Kißlegg/Allgäu, das bis 2005 bestand und 23 Sonderausstellungen zeigte. Aus dieser intensiven Kenntnis von Kunst und Künstlern mit expressiv realistischer Grundhaltung erwuchs im Laufe eine bedeutende Sammlung, die seit 2009 in der Kunsthalle Schweinfurt gezeigt wird. Sie ergänzt die Sammlung der Stadt Schweinfurt zur Kunst in Deutschland nach 1945 und schließt zugleich an das Museum Georg Schäfer an, dessen Kernbestand etwa um die Zeit des I. Weltkriegs endet.

untergeschoss

 

Expressiver Realismus -- Kunst der „verschollenen Generation“

Das 20. Jahrhundert ist durch eine Vielzahl von Krisen und Kriegen geprägt worden, die in den beiden Weltkriegen sowie dem sogenannten Kalten Krieg zwischen den großen Machtblöcken kulminierten. Zu Beginn des Jahrhunderts hatte der Expressionismus einen völlig neuen Blick auf die Welt eröffnet. Weitere stilistische Erscheinungen der folgenden Jahrzehnte werden unter anderem mit Neue Sachlichkeit, Surrealismus oder Informel bezeichnet. Wichtige Künstler der um 1900 geborenen Generation haben jedoch seit etwa 1925 „aus dem Expressionismus etwas Neues, anderes gemacht“ (Rainer Zimmermann), indem sie sich das Formenvokabular der Klassischen Moderne zunutze machten. Sie fanden dadurch zu einer malerischen Grundhaltung, die sich mit dem Begriff Expressiver Realismus zusammenfassen lässt. Ein großer Teil der solcherart gegenständlich arbeitenden Künstler wurde zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten ins Abseits gedrängt und durch Krieg und Gefangenschaft – oder gar Verfolgung - vielfach ihrer bürgerlichen Existenzgrundlage beraubt. Nach dem II. Weltkrieg wurden aus politischen Gründen im Westen abstrakte beziehungsweise informelle Ausdrucksformen und im Osten der sogenannte sozialistische Realismus gefördert. Expressiv-realistisch schaffende Künstler und ihre kunstgeschichtliche Leistung wurden in der breiten Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen, was sie zur „verschollenen Generation“ werden ließ. Erst seit den achtziger Jahren hat wieder eine Auseinandersetzung mit der Kunst des Expressiven Realismus begonnen, der die Kunsthalle Schweinfurt mit der Sammlung Joseph Hierling eine Plattform bietet.

 

Die Sammlung Joseph Hierling

Die ständige Ausstellung vermittelt am Beispiel von thematisch geordneten Hauptwerken der Sammlung Joseph Hierling einen Überblick über Kunstschaffen und Künstler des Expressiven Realismus. Je nach Sichtweise lassen sich dabei Überschneidungen zwischen den einzelnen Themenfeldern nicht vermeiden. Sie bieten aber auch willkommene Ansatzpunkte für differenzierende Betrachtungen. Meist können nur ein oder zwei Werke eines Künstlers dauerhaft gezeigt werden. Deshalb wird ein besonderer Bereich der Präsentation einem kleinen Werküberblick eines Malers oder Bildhauers gewidmet. Dieser wird regelmäßig ausgetauscht und gesondert museumspädagogisch begleitet.

Selbstporträt und Menschenbild sind traditionell eine der vornehmsten Aufgaben der bildenden Kunst. Vielfach spiegelt sich in ihnen das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit in besonderer Schärfe. Bildwürdig ist nicht nur das Schöne. Vermieden werden „repräsentative Porträts, bei denen der Mensch unter der gesellschaftlichen Rollenmaske verborgen bleibt“ (RZ).

Die Darstellung des menschlichen Akts ist von einem Streben nach absoluter Wahrhaftigkeit in der Kunst geprägt. Neben sachlichem Interesse am menschlichen Körper spielt zugleich prickelnde Erotik eine Rolle. Darin äußert sich eine neue Freiheit gegenüber gesellschaftlichen Überlieferungen.

Themen aus Literatur und Mythologie werden in der Malerei des expressiven Realismus wieder aufgegriffen. Dabei wird jede überkommene Bindung an Konventionen und Dogmen abgelehnt. Vielmehr stehen Fragen wie Kreatürlichkeit, Beseelung oder auch die Verletzbarkeit des Menschen im Mittelpunkt.

Auf der anderen Seite agiert jeder Mensch im Bannkreis der Gesellschaft. Das kann in der Kunst des Expressiven Realismus eine politische Demonstration genauso sein wie die Atmosphäre eines Frauenbads oder eine von den Anstrengungen um den richtigen Ton gezeichnete Konzertprobe. Die Achtung vor dem Menschen dominiert gegenüber dem Bestreben zur Aufdeckung von Missständen.

Die Landschaft zeichnet ein Porträt des jeweiligen Ambiente, das Zeugnis von erlebter Wirklichkeit ablegt. Das sind in traditioneller Weise Naturräume aber auch Stadtansichten oder nächtliche Boulevards. Vielfach ist eine „Poesie der Armut“ spürbar, die „apokalyptische Züge“ annehmen kann.

Ein Interieur ist gewissermaßen eine „Wohnungs-Landschaft“ Es erzählt von den Menschen, die sie geformt haben. Immer wieder sind deshalb menschliche Darstellungen Teil solcher Bilder. Auf diese Weise berichten Interieurs des Expressiven Realismus auch über das soziale Umfeld ihrer Bewohner.

Im Stillleben kommt der Maler den Dingen ganz nahe. Neben der naiven Freude an der Erfassung reizvoller Objekte haben die Maler des Expressiven Realismus aber auch Alltagsgegenstände wie eine Brotschneidemaschine für bildwürdig erachtet. Der ehrliche Ausdruck der Wahrheit geht ihnen dabei vor Effekt, Glanz oder Esprit. So vermeiden sie im Gegensatz zu den Expressionisten jegliche Stilisierung oder plakative Farbgebung.

 

« zurück
Cookies ermöglichen eine bestmögliche Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Seiten und Services erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr InfosOK